Der Diplomat – Leseprobe

 

Kapitel 1

Arnika verfluchte den Tag, an dem sie dem Plan ihres Bosses zugestimmt hatte. Ihre Füße schmerzten in den schwindelerregend hohen High Heels. Die Arme konnte sie kaum noch bewegen. Sie biss die Zähne zusammen und stellte das Tablett auf dem Tresen ab.
„Alles klar?“, fragte Yoola über den Lärm des Nachtclubs hinweg und stellte ihr drei Tequila Sunrise auf das Tablett. Die Discobeleuchtung tauchte die Getränke für einen Moment in ein seltsam grünes Licht.
Arnika nickte dem Barkeeper zu.
Drei Gläser auf dem Tablett zu balancieren, während der Laden brechend voll war, erforderte bereits ihre ganze Konzentration. Es war so warm, dass ihre Bluse unangenehm am Rücken klebte. Kein Wunder, dass die anderen Kellnerinnen nur ein weinrotes Top trugen, auf dem an der Brust das Logo des Clubs und darunter ihr Name prangte. Arnika hoffte, dass sie nach ihrem ersten Tag auch in diese luftige Arbeitsuniform schlüpfen konnte.
In diesem Moment tauchte Inka neben Arnika auf. „Maximal drei Gläser“, wies sie Yoola an und deutete auf Arnikas Tablett.
Dieser nickte der Blondine kurz zu, ehe er ihre Serviertasse mit zwei Daiquiris, einem Manhattan, zwei Fiftyfive und einem Caipirinha belud.
„Du schlägst dich für den ersten Abend ganz gut.“ Inka lächelte ihr zu, drehte sich um und verschwand mit ihrem voll beladenen Tablett in der Menge.
Arnika blickte der Chefservicekraft hinterher, die mit Leichtigkeit die Gläser durch die feiernde Meute manövrierte.
Um keinen Preis der Welt würde sie zugeben, dass dieser Abend sie vollkommen überforderte. Abermals biss sie die Zähne fest zusammen, um den Schmerz in den Armen ertragen zu können, griff nach dem Tablett und machte sich auf den Weg durch die feiernden Clubbesucher, die zu einem schnellen Beat tanzten.
Der Kunde, der die Getränke bestellt hatte, saß natürlich am anderen Ende des Raumes. Arnika seufzte innerlich und zwängte sich an einigen tuschelnden Mädchen vorbei, deren Röcke nur knapp den Po bedeckten.
Wie konnte man hier nur freiwillig arbeiten? Der Job war anstrengend, die Arbeitszeiten unverschämt lang, und ihre Beine brachten sie um. Würde nicht so viel davon abhängen, hätte sie schon längst hingeschmissen. Und je länger sie hier war, umso weniger verstand sie die lange Schlange an Bewerberinnen, die unbedingt in dem angesagten Club arbeiten wollten. Zugegeben, sie hätte nie damit gerechnet, den heiß begehrten Job zu ergattern, nicht bei der Konkurrenz und dem, was andere an Erfahrung mitbrachten. Der unbeugsame Wunsch, es ihrer Familie zu zeigen und allein in Boston zu bestehen, hielt sie davon ab, das Handtuch zu werfen. Sie würde es schaffen – irgendwie.
Ein Typ griff nach ihrem Arm und schrie ihr „Zwei Fiftyfive, Tisch siebenund…“ ins Ohr. Bevor sie sich zu ihm umdrehen konnte, war der Kerl schon wieder zwischen den Gästen untergetaucht. Nervös blickte Arnika sich um und sah zu ihrer Erleichterung, wie der Typ sich an Tisch siebenundzwanzig niederließ. Im Geiste machte sie sich eine Notiz.
Der Cocktail Fiftyfive war das Markenzeichen des Clubs, und Arnika wusste nicht, wie oft sie diesen heute Abend schon serviert hatte.
Mühsam setzte sie ihren Weg fort und war kurz darauf an ihrem Ziel. Den Kerl am Nebentisch, der ihr einen Zettel mit seiner Handynummer zugesteckt hatte und ihr immer wieder zuzwinkerte, ignorierte sie. Stattdessen servierte sie die bestellten Cocktails und nickte dem einzigen Mann am Tisch zu, der ihr scherzhaft eine Kusshand zuwarf. Dieser Clubbesucher hatte, wie alle anderen Kunden auch, seinen Tisch vor Monaten gebucht. Sie lächelte zurück und hielt ihm ihr Bestellgerät hin. Er drückte seinen Daumen auf das Display. Arnika war froh, dass die Getränke am Ende des Abends direkt an der Kasse abgerechnet wurden und sie somit nichts mit der Rechnung zu tun haben würde.
Sie drehte sich um und ließ ihren Blick über die Gäste schweifen. Kaum dass der Club geöffnet hatte, war es hier brechend voll geworden.
Arnika ging ein paar Schritte weiter und nahm die Bestellung für Tisch siebenundzwanzig im System auf. Noch einmal sah sie sich um, ob jemand in ihrem Bereich einen Getränkewunsch hatte. Dank Inka umfasste ihr Zuständigkeitsbereich lediglich acht Tische. Die eingearbeiteten Mädchen hatten bis zu zwanzig Tische zu betreuen und am heutigen Abend, dank ihr, sogar ein paar mehr.
Ihr Rückweg führte am Rand der Tanzfläche vorbei. Inzwischen war die Bühne, auf der gerade zwei der Tänzerinnen ihre Show abzogen, nach oben ausgefahren. Die eine war eine rassige Latinaschönheit. Die Rothaarige besaß etwas weniger Kurven, hatte jedoch unglaublich lange Beine, die sie in diesem Moment um die Tanzstange schlang.
Arnika kam an der Treppe vorbei, die von zwei bulligen Kerlen in Schwarz bewacht wurde. Pide und Cev sorgten dafür, dass niemand Unbefugtes die dritte Ebene betrat.
Sie spähte hinauf und erblickte auf dem oberen Drittel der Treppe einen Mann und eine Frau, die dort stehen geblieben waren. Die Glücklichen, dachte sie, denn dort oben hatten nur ausgesuchte Personen Zutritt. Am Ende der Treppe befand sich eine Plattform, mehr konnte sie nicht erkennen, da die komplette Ebene mit verspiegelten Glasscheiben abgeschirmt war. Immer wieder tauchte das Discolicht die Scheiben in buntes Licht. Einen Blick hindurchzuwerfen, war jedoch unmöglich.
Pide lächelte ihr freundlich zu, und sie blickte schnell fort, da sie nicht wollte, dass er ihr allzu offenkundiges Interesse an der oberen Ebene bemerkte. Arnika ging zwei Schritte weiter und schielte noch einmal hinauf.
Der Mann auf der Treppe drehte sich in diesem Moment herum, und Arnika stockte der Atem. Er war es. Die eine Hand steckte lässig in der Hosentasche seines hellgrauen Anzugs. Die andere war um die Mitte einer brünetten Frau geschlungen. Die Welt schien einen Augenblick stehenzubleiben, während Arnika das Prachtexemplar von Mann anstarrte. Die Bilder, die sie bisher in den Klatschspalten von ihm zu sehen bekommen hatte, vermochten ihm nicht annähernd gerecht zu werden. Was wäre ein Foto und eine halbe Seite Text über ihn wert? Ihr Herz schlug schneller. Gerade strich er sich durch das dunkelblonde kurze Haar. Das unwiderstehliche Lächeln, das er seiner Begleiterin schenkte, machte ihn nur noch attraktiver. Selbst auf die Entfernung strahlte er etwas aus, das Arnika unwillkürlich in seinen Bann zog. Noch nie hatte sie einen Mann gesehen, den eine so anziehende Präsenz umgab.
Sie musste sich zusammenreißen. Ihre Hände umklammerten das Tablett, das sie an ihre Brust drückte, so fest, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten. Dann wandte sie sich ab. Sie durfte ihr Ziel nicht aus den Augen verlieren. Bei all dem hier ging es lediglich um einen Artikel. Das Letzte, was sie brauchen konnte, war, den Kopf zu verlieren.
Jendrael Collister, der sagenumwobene Playboy, der ein Geheimnis aus seinem Leben und seinem Umfeld machte, sämtlichen Fotografen gekonnt aus dem Weg ging und immer dort in Boston auftauchte, wo Macht und Geld zu finden waren. Obwohl sie gründlich recherchiert hatte und einiges über ihn wusste, waren ihre Informationen sehr dürftig. Er war Inhaber des Clubs Fiftyfive und diverser anderer Geschäfte. Es gab keine Interviews, Fotos oder pikante Details aus seinem Privatleben. Wenn er in der Öffentlichkeit auftauchte, war immer eine andere Schönheit an seiner Seite: Models, Filmstars und hin und wieder auch unbekannte Mädchen. Mit Durchschnittsfrauen schien er sich jedoch nicht abzugeben.
Arnikas Neugier siegte, und sie blickte erneut nach oben. Gerade beugte der Discobesitzer sich zu seiner Begleitung hinab, die gut zehn Zentimeter kleiner war als er, und flüsterte ihr etwas ins Ohr, woraufhin die Frau in schallendes Gelächter ausbrach.
Dann schob er die Frau weiter nach oben, drehte sich am Ende der Treppe noch einmal um, ließ seinen Blick über die Menge gleiten und sah direkt in ihre Richtung. Plötzlich hielt er inne.
Arnika bekam kaum noch Luft. Das war doch nicht möglich. Ihre Knie wurden weich. Sie wollte und konnte ihren Blick nicht abwenden. Seine Augen schienen sie festzuhalten und sich tief in ihr Innerstes zu bohren.
Ihr schwindelte. Der Club verschwamm vor ihr, sie taumelte. Sofort war Cev an ihrer Seite, um sie zu stützen.
„Die Luft hier drinnen kann manchmal etwas stickig sein“, meinte er mit tiefer Stimme.
Arnika machte sich schnell von ihm los. Sie wollte nicht schwach wirken. Schnell sah sie sich um und atmete erleichtert auf, dass niemand ihr Missgeschick mitbekommen hatte.
„Mir geht es gut. Alles okay“, erklärte sie hastig und drückte das leere Tablett schützend an ihre Brust.
„Vielleicht ist es besser, du setzt dich einen Moment hin“, schlug Pide vor und deutete auf die Tür, auf der in weißen Lettern ‚Privat‘ stand.
Arnika schüttelte den Kopf.
„Danke! Alles bestens. Ich muss weitermachen.“
Sie eilte davon und hoffte, dass keiner der beiden Inka von ihrem kleinen Zusammenbruch erzählen würde. Schließlich war sie hier auf Probe angestellt, und sie wollte, nein, sie musste diesen Job unbedingt behalten. Sie wollte sich durch die paar Sekunden Schwäche nicht ihre ganze Arbeit zunichtemachen.
Auf dem Weg zur Bar, wo Yoola mit den Cocktails auf sie wartete, kreisten ihre Gedanken um ihren neuen Chef. Hatte er wirklich sie angesehen? Im Prinzip war es egal, es war nur eine Frage der Zeit, bis sie hinter sein Geheimnis kam. Etwas anderes blieb ihr nicht übrig. Alle erfolgreichen Männer hatten ein kleines, schmutziges Geheimnis. Man musste nur tief genug graben.
„Gab es Probleme, weil du so lange bei der Security warst?“, erkundigte Yoola sich.
Arnika verneinte, griff schnell nach der nächsten Serviertasse und balancierte die drei Gläser abermals durch die Menschenmenge.

* * *

Gelangweilt blickte Jendrael auf die Frau zu seiner Linken, die ihren vollen Busen aufreizend an seinem Arm rieb. Er war durstig, das war der einzige Grund, warum er im Fiftyfive aufgetaucht war. Seine Angestellten hatten alles unter Kontrolle und brauchten seine Hilfe nicht.
Sein Schädel pochte unaufhörlich, ein Zeichen, dass er viel zu lange kein Blut mehr zu sich genommen hatte. Die schrille Stimme seiner Begleiterin  drang zu ihm durch. Sie plapperte irgendetwas Unsinniges, Belangloses. Abwesend lächelte er sie an, damit er wenigstens den Eindruck erweckte, bei der Sache zu sein. Zielstrebig schob er sie auf die Metalltreppe zu, vorbei an Cev und Pide.
Der beißende Gestank nach Schweiß und Alkohol verflüchtigte sich, ebenso wie der hämmernde Beat, der den Herzschlag der Menschen und das Rauschen ihres Blutes übertönte. Seine Begleiterin blieb mitten auf der Treppe stehen, zog an seinem Arm und deutete auf die Bühne, die sich ein ganzes Stück unter ihnen befand. Dort rekelten sich gerade zwei seiner Tänzerinnen an einer Stange. Sie waren umringt von dutzenden, grölenden Männern. Etwas Ungewöhnliches konnte er an dem Bild, das sich ihm bot, nicht finden. Um die Tanzfläche herum standen  weiße Ledercouches, welche durch die  einseitig offene Form einem angebissenen Donut ähnelten. In der Mitte befand sich jeweils ein kleiner Holztisch, auf dem ein Eiskübel und die Getränkekarte zu finden waren. Doch auch hier fand er nichts Auffälliges. Während in der ersten Ebene, im öffentlichen Teil seines Clubs, Selbstbedienung herrschte und nur zwei Bottle-Catcher die Gläser und Flaschen wieder einsammelten, waren in der zweiten Ebene, wo die gehobene Gesellschaft feierte, eine Handvoll Kellnerinnen damit beschäftigt, Snacks und vor allem Getränke an die Tische zu bringen. Kein freier Sitzplatz war mehr zu finden – wie an jedem Abend. Eigentlich sollte ihm das eine gewisse Befriedigung verschaffen, doch nichts als Leere breitete sich in seinem Inneren aus.
Die Frau an seiner Seite drehte sich gerade zu ihm um. „Ich war noch nie hier oben“, erklärte sie ihm strahlend.
Jendrael reagierte nicht darauf. Er wusste nicht einmal ihren Namen. Cathleen, Cathrin, Catharina, … Es interessierte ihn nicht. Er hatte sie ausgewählt, weil ihm ihre braunen Haare gefielen und er nach der Nahrungsaufnahme noch etwas Gesellschaft gebrauchen konnte. Die unechten und viel zu langen Wimpern entsprachen absolut nicht seinem Geschmack. Davon abgesehen war sie aber recht hübsch. Und sie war einfach gestrickt. Er war kurz in ihrem Kopf gewesen und hatte festgestellt, dass sie ein williges Opfer abgab. Es würde ihn kaum Anstrengung kosten, ihre Erinnerungen an den Abend zu manipulieren.
Jendrael beugte sich zu der Frau hinunter. „Es wird mir eine Ehre sein, dir die dritte Ebene zu zeigen. Allerdings würde ich mit dir gerne in mein Büro gehen. Da sind wir ungestört.“ Er wusste, dass er für die Frau lockend und einladend klang, als ob er das nötig gehabt hätte.
Die Brünette warf die langen Haare in den Nacken und lachte laut und schrill.
Bestimmt schob er sie die Treppe hinauf. Ein letztes Mal ließ er seinen Blick über die Tanzenden schweifen und hielt inne, als er katzengrünen Augen begegnete. Eine junge Frau, Ende zwanzig, stand am Fuß der Treppe und blickte zu ihm hinauf. Sie trug eine Bluse des Clubs und musste die neue Kellnerin sein, von der Abeline ihm berichtet hatte. Ihre langen, schlanken Beine steckten in engen Jeans. Sie strich sich gedankenverloren eine Strähne des blonden Haares hinter das Ohr. Jendrael konnte seine Augen nicht von ihr abwenden. Er sah, wie ihr die Beine wegknickten und Cev sie stützte. Mit aller Anstrengung biss er die Zähne zusammen, kämpfte gegen das Ausfahren seiner Eckzähne an, die sich aus seinem Kiefer schieben wollten. Er verkrampfte sich. Der Drang, sie zu berühren, überkam ihn aus so heiterem Himmel, dass er um ein Haar über die Brüstung gesprungen wäre und Cev beiseite gestoßen hätte.
Er musste sie besitzen. Diese Gefühle waren so falsch wie die Wimpern seiner Begleitung. Mit aller Kraft drängte er die ungebetenen Regungen fort. Sie war eines seiner Mädchen und damit für ihn tabu, wie alle seine Bediensteten. Seine eigenen Regeln galten auch für ihn, und bisher hatte er nie Schwierigkeiten gehabt, sich daran zu halten. Was war an diesem Mädchen anders?
Die neue Servicekraft drückte das Tablett eng an die Brust und redete mit Cev und Pide. Er versuchte zu lauschen, der Geräuschpegel überstieg aber die Möglichkeiten seines ausgezeichneten Gehörs.
Dann drehte sie sich um und ging davon.
Jendrael verlor sie in der Menge aus den Augen. Er atmete tief ein und erhaschte ihren Geruch. Rose und Jasmin und ihr ganz eigener Duft, der ihn an Mandeln erinnerte. Das Gefühl, etwas verloren zu haben, machte sich in seiner Brust breit. Es wurde immer größer und fraß sich tief in sein Herz.
„Und wo ist nun dein Büro?“, fragte die Frau, die sich suchend in seinem Arm umdrehte.
Jendrael strich sich mit der Zunge über die Unterlippe. Er war durstig. Vermutlich vernebelte der Hunger sein Gehirn. Genau, das war es.
„Komm mit. Wir müssen auf die andere Seite.“
Sie hakte sich bei ihm unter und stolzierte neben ihm her, vorbei an der leeren Bar, hinter der ein Vampir namens Colan Dienst hatte.
Jendrael schüttelte den Kopf, als dieser ihn fragend ansah und wissen wollte, ob er der Frau einen Drink bringen sollte.
Auf der gegenüberliegenden Seite befanden sich die offenen Sitzgruppen vor der Glasfront, durch die man einen wunderbaren Blick über die erste Ebene hatte. Weiter vorne lagen diverse kleinere Separees, deren Fenster in Richtung zweiter Ebene ausgerichtet waren. Jendrael wollte mit der Frau weder den öffentlichen Bereich noch die kleinen abgetrennten Räume aufsuchen und schob sie deshalb an allem vorbei. Die Tür zum letzten Separee stand offen. Gregorio und Rosario Garcia Martinez saßen darin.
„Buenas noches“, grüßte der Soya. Zumindest Gregorio beherrschte seine Muttersprache, schließlich war er im heutigen Spanien zur Welt gekommen. Seine Brüder Manila und Rosario jedoch waren bereits hier in Boston geboren.
„Hola, Soya.“ Rosarios Spanisch klang ebenso Amerikanisch wie sein eigenes.
Jendrael blieb stehen. Gerne wollte er so schnell wie möglich mit seiner Beute in seinem Büro verschwinden, aber ein paar Minuten Zeit war er den Brüdern schuldig.
„Alles zu eurer Zufriedenheit?“, wollte Jendrael wissen.
„Bestens, gracias.“
„Ihr wisst, dass ihr euch jederzeit in den unteren Ebenen bedienen dürft.“
„Das hat Rosario schon getan, mir ist gerade nicht danach“, erklärte Gregorio.
„Ihr habt ja überhaupt nichts zu trinken“, rief Jendraels Begleiterin in diesem Moment entsetzt.
Nein, wegen ihrer Intelligenz hatte er sie bestimmt nicht mit nach oben genommen. Aber wer wollte schon mit ihr reden?
„Aber, tía buena, wir bekommen unsere Getränke gleich“, erklärte Gregorio liebenswürdig und schenkte der Brünetten ein Lächeln.
„Ach so. Na dann …“
Die junge Frau ließ sich problemlos mit der Ausrede abspeisen.
„Vielleicht sehen wir uns später wieder, ansonsten bis bald.“ Jendrael nickte den Brüdern zu und schob das Mädchen weiter. Sie drehte sich noch einmal um und winkte den Männern kokett zu.
„Waren das Freunde von dir?“, wollte sie wissen und schmiegte sich in seinen Arm.
„So etwas Ähnliches.“
„Ich fand sie sehr nett.“
„Hmm …“
„Vor allem gefällt mir die italienische Sprache.“
Jendrael verzichtete, sie darauf hinzuweisen, dass es sich um Spanisch handelte. Sie erreichten den Flur, von dem zur linken Seite drei Türen abgingen. Hinter der ersten Tür befand sich ein kleiner Raum, der als Abstellkammer genutzt wurde. Daneben lag das Büro von Abeline, die als Geschäftsführerin fungierte. Seit sie die Aufgabe übernommen hatte, war der Club noch bekannter und beliebter geworden. Sie war eine gute Wahl gewesen, und sein Freund Whot war immer noch froh, dass seine Schwester eine sinnvolle Aufgabe gefunden hatte, bei der sie sich austoben konnte und nicht ihre ganze Zeit und Energie in Shopping und diverse andere Nichtigkeiten investierte.
Hinter der letzten Tür verbarg sich sein Büro, sein Rückzugsort. Wann immer ihm der Trubel im Club zu viel wurde, zog er sich hierher zurück. Und manchmal benutzte er die Abgeschiedenheit auch, um – so wie jetzt – mit einer Frau ungestört zu sein. Seine Räume waren besonders schallgeschützt, so dass auch vampirische Ohren vergebens lauschten. Die Kleine konnte also schreien, wie sie wollte. Niemand würde sie hören.
Jendrael öffnete die Bürotür und ließ seiner Begleitung den Vortritt.
Zögernd trat sie über die Schwelle und blieb überwältigt stehen. „Wow, wie abgefahren ist das denn?“ Beeindruckt starrte die junge Frau die Fensterfront an, die mit ihren verglasten Rundbögen einen zauberhaften Ausblick über das nächtliche Boston bot. Die Krönung war die gläserne Kuppel über ihnen, durch die man das sternenübersäte Firmament bewundern konnte.
Die Tür fiel ins Schloss. Jendrael trat näher an die Frau heran. Er packte sie am Arm, während er mit der anderen Hand das lange Haar beiseiteschob und ihren Nacken entblößte. Seine Fänge schossen beim Anblick ihres verletzlichen Halses hervor, das Wasser lief ihm im Mund zusammen.
„Du musst sehr reich sein, wenn du dir so ein Büro leisten kannst.“
Er stöhnte innerlich auf, wünschte sich, sie möge einfach ihren Mund halten. Mit der Zunge strich er über seine Lippen, um sie anzufeuchten. Dann beugte er sich über sie und hauchte ihr einen Kuss in die Halsbeuge.
„Wollen wir uns nicht setzen?“ Ihr Geplapper ging ihm auf die Nerven.
„Halt einfach den Mund“, stieß er undeutlich hervor. Sie wollte sich umdrehen, doch er hielt sie fest. „Genieß den Ausblick“, flüsterte er in ihr Ohr und küsste sie auf die empfindliche Stelle dahinter.
„Wirklich wunder…“, weiter kam sie nicht.
Blitzschnell gruben sich seine Zähne in ihren Hals. Er bemerkte, wie sie sich für eine Sekunde versteifte, dann jedoch nachgab und in seinen Armen dahinschmolz.
Er trank gierig von ihr, spürte, wie sie ihn stärkte und dabei immer mehr an eigener Kraft verlor. Ihr Lebenssaft schmeckte süß auf seiner Zunge. Langsam wanderte seine rechte Hand an ihrem Körper hinab, schob sich zwischen ihre Beine. Sie stöhnte willig in seinem Arm. Oh ja, sie war bereit. Ihr Slip war bereits nass. Er merkte, wie das frische Blut, das nun in seinem Körper pulsierte, direkt in seine Lenden schoss. Während er seine Zähne aus ihrem Fleisch zog und mit der Zunge über die Wunden strich, die sich sofort zu schließen begannen, überlegte er, wo er sie am besten nehmen sollte. Er konnte ihr das Höschen ausziehen, den Rock hochschieben und sie direkt auf dem geräumigen Teakholzschreibtisch vögeln. Oder er stellte sie davor und drang von hinten in sie ein. Egal, er wollte sie nur schreien hören.
„Mein Gott“, murmelte die junge Frau in seinen Armen benommen und lehnte sich Halt suchend mit dem Rücken an ihn.
Er glitt mit seiner Hand in ihr Höschen, fand dort noch mehr Nässe und drang mit einem Finger in sie ein.
Sein Schwanz war steinhart. Er wollte endlich in ihr sein. Ohne Rücksicht auf sie zu nehmen, hob er sie einfach hoch und stand in der nächsten Sekunde vor seinem Tisch. Die Frau saß breitbeinig vor ihm auf der Tischkante und stöhnte willig. Sie hatte nicht einmal ihren Ortswechsel bemerkt. Er hatte keine Lust, ihr das Höschen auszuziehen, sondern riss einfach daran. Der feine Stoff gab sofort nach.
„Deine Augen“, murmelte sie fassungslos und wollte ihn ein wenig von sich fort drücken.
Erbarmungslos nahm er von ihrem Mund Besitz. Er wusste, dass seine Augen glühten. Er war erregt.
Die Frau hatte ihren Einwand längst vergessen und gab sich ganz seinen Berührungen hin. Ihre Schreie hallten wie Musik in seinen Ohren. Seine Gespielin sah ihn aus ihren langweiligen blauen Augen an. Die Farbe stimmte nicht. In seinem Geist tauchten die katzengrünen Augen der blonden Kellnerin auf, und er bildete sich ein, einen Hauch von Rose, Jasmin und Mandeln wahrzunehmen. Augenblicklich war die Begierde verschwunden. Seine Hand noch immer am Reißverschluss seiner Anzughose, ging er einen Schritt zurück.
Die braunhaarige Schönheit lag entblößt auf seinem Schreibtisch, klimperte mit ihren falschen Wimpern und starrte ihn an. Zumindest hielt sie den Mund und verschonte ihn mit ihrem sinnlosen Geplapper.
Er besann sich, verdrängte die Gedanken an die Frau, die für ihn tabu war und überlegte, ob er sein Intermezzo beenden oder da weitermachen sollte, wo er gerade aufgehört hatte. Es gelüstete ihn nicht mehr danach, sich zwischen ihre Beine zu drängen und wild in sie zu stoßen.
Jendrael hatte seine Entscheidung getroffen.
Mit Leichtigkeit drang er stattdessen in ihren Geist ein, pflanzte ihr einige Bilder an den Tanz mit einem aufregenden Mann in der zweiten Ebene ein und schickte sie anschließend wieder auf die Tanzfläche zurück. Anstandslos zupfte sie ihr Kleid zurecht und ging, ohne sich von ihm zu verabschieden. Schließlich konnte sie sich nicht mehr an ihn erinnern und würde auch nie wissen, dass sie hier oben gewesen war.

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Ein Gedanke zu „Der Diplomat – Leseprobe“

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