Warum Schreiben Leben rettet

In den Zeiten, in denen du am Limit bist, in Zeiten, in denen du einfach nicht mehr kannst, braucht jeder Mensch etwas, an das er sich festhalten kann. Etwas, das ihm Kraft schenkt und das ihm hilft, durch den stürmischen Alltag zu kommen. Was ist dein Schiff, dass dich durch die aufgebrachte See bringt, ohne dass du auf Grund läufst?

Ich bin verheiratet, Mutter von zwei wundervollen, aber auch sehr anstrengenden Grundschülern, die derzeit aufgrund der pandemiebedingten Umstände ziemlich unausgeglichen sind. Dazu arbeite ich in einem Job, den ich sehr liebe und der mir wahnsinnig viel Spaß macht, der mich aber auch unheimlich gut auslastet und in dem ich ziemlich viel Verantwortung für Kollegen, sowie anvertrautem Klientel habe. Dann haben wir noch ein großes Haus und einen nicht ganz so kleinen Garten. Es ist sehr schön, Platz zu haben und sich ausbreiten zu können, aber es muss auch alles in Schuss gehalten werden. Und als ob das alles nicht schon genug wäre, gibt es da noch die Schreiberei. Warum zur Hölle, ich mir also die Schreiberei auch noch an? Warum nicht einfach das sein lassen und die Zeit anderweitig nutzen?
Meine Belastungsgrenze ist verdammt hoch. Mein normales Stresslevel ist in einem Bereich, in dem viele andere schon nicht mehr können. Das weiß ich und das ist auch so in Ordnung. Corona setzt auch mir ordentlich zu. Beruflich macht es eine ganze Menge Arbeit – okay, womit ich meine 30 Stunden Arbeitszeit fülle, ist letztendlich egal. Seit einer Woche sind wir – und hier sage ich ganz bewusst wir und nicht nur meine Kinder – wieder im Distanzunterricht und damit sind die Jungs ziemlich viel zu Hause. Das Homeschooling bekommen wir dank äußerst fitter Großeltern ganz gut hin und freitags bin ich zu Hause, aber dennoch habe ich dann ab Mittag zwei Jungs hier herumsitzen, die sich langweilen. Und ich habe permanent ein schlechtes

Gewissen den Kindern gegenüber, weil ich nicht mehr Zeit mit ihnen verbringen kann und sie das ein oder andere Mal einfach abspeisen muss. Die letzte Woche war jetzt besonders schlimm. Mit der Arbeit über dem Limit, bei meinem Mann leider ebenso, zusätzlich noch ein paar familiäre Probleme mit Angehörigen, die momentan mehr Unterstützung brauchen und wo wir mithelfen und organisieren müssen. Um es kurz zu machen, Stresslevel momentan extrem hoch.

In den letzten Wochen war ich mit den Lektorat von Kruento – Der Informant beschäftigt, was wichtig war, allerdings auch sehr zeitintensiv. Die angesetzte Zeit war zu schaffen, aber nebenbei zu schreiben, war einfach nicht möglich. Auch das war okay, war zeitlich so eingeplant, aber damit hat mir mein Ausgleich gefehlt. Und dieser fällt mir nun auf die Füße. Die Woche war nun so voll, dass ich ohnehin nur die nötigsten E-Mails in Angriff nehmen konnte. Alles andere ist auf der Strecke geblieben. Und nun sitze ich hier, vollkommen unausgeglichen. Ich bin aus der Balance gekommen. Mein Schiff, ist kurz davor zu kentern und ich habe Angst, herauszufinden, was auf Grund laufen bedeutet. Aber das ich an dieser Situation etwas ändern muss, ist sehr deutlich.

Zwei Tage habe ich es jetzt mit Nichtstun versucht, mit von Netflix berieseln lassen und im Selbstmitleid versunken. Das hat mir leider nicht geholfen. Daher war es heute an der Zeit, es in Angriff zu nehmen.

Von der äußeren Ordnung zur inneren Ordnung

Ich habe angefangen, die Garderobe auszumisten. Unsere Garderobe ist eigentlich viel zu groß und hat viel zu viel Platz, für endlos viel Mist. Die Ablage – jeder schmeißt nur seine Sachen drauf – ist mir schon seit längerer Zeit überfällig. Also habe ich heute ausgemistet, eine große Kiste angefangen, in die ich alles reingetan habe, was weggeräumt werden muss. Von irgendwelchen Leuchtmitteln, die ich noch nie gesehen habe und die mein Mann besorgt haben muss, über Dinoplastikfiguren und Würfel. Jeder darf in den nächsten Tagen seinen Mist aufräumen, der Rest landet dann im Müll. Die Stoffmasken, die wir nicht mehr benutzen, weil wir auf FFP2 und medizinische Masken umgestiegen sind, habe ich endlich in eine Kiste gepackt und werde sie mal in den Keller räumen. Sind ja schnell wieder hochgeholt, sollten wir sie doch noch brauchen. Dazu gibt es jetzt noch vier unterschiedlich große Haufen mit Schuhen.

Ehrlich ich liebe Schuhe und ich habe viele: Turnschuhe, Winterschtiefe, Stiefeletten, Halbschuhe, Ballarina, High Heels, Wanderstiefel und Sandalen. Mein Mann topt das allerdings mit: Graue Turnschuhe, schwarze Halbschuhe, Hallenturnschuhe, Badeschuhe, nochmal graue Turnschuhe, weiße Turnschuhe, weiße Turnschuhe mit grünen Streifen, schwarze Turnschuhe, schwarz-weiße Turnschuhe, weiß-grüne Turnschuhe, rote Turnschuhe, schwarze Turnschuhe und nochmal schwarze Turnschuhe.
Das Sammelsurium an Kinderschuhen erspare ich euch.
Es tut gut, sich von altem Ballast zu trennen. Manches ist im Keller besser aufgehoben, manches kann problemlos im Müll landen. Kinderklamotten, die über den Winter zu klein geworden sind, sind aktuell noch in der Waschmaschine und landen dann im Karton, um weitergegeben zu werden.

Nachdem ich meine äußere Ordnung wieder hergestellt habe, geht es jetzt an die innere. Ich merke schon jetzt, wie Aufgeräumter ich bin. Jetzt ist die Zeit, mich an mein Manuskript zu setzen. Ich habe Lust dazu, freue mich darauf, wieder in die Geschichte einzutauchen, und werde schreiben, schreiben und schreiben, bis ich wieder mein innres Gleichgewicht gefunden habe. Ich kann dir versichern, es fühlt sich verdammt gut an, wieder mit mir im Reinen zu sein. Die stürmische See hat sich beruhigt, mein Schiff fährt in ruhigeren Gewässern und egal, was die nächste Woche bringt, ich fühle mich dem gewappnet.

Es ist nicht das erste Mal, dass mir das Schreiben hilft, zu meiner inneren Balance zurückzukehren. Ich weiß, es werden immer wieder Zeiten kommen, in denen ich nicht schreiben kann, weil etwas anderes – zum Beispiel ein Lektorat – aktuell wichtiger ist. Aber wenn ich merke, dass ich kurz vor dem Kentern bin, würde ich die Reißleine ziehen und alles stehen und liegen lassen, damit ich schreiben kann. Ich brauche das Schreiben, ohne kann ich nicht gut leben.

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